Von Machern und Mitläufern

„Wutbürger“ heißt das „Wort des Jahres 2010“. Warum? Weil die Bürger sauer sind. Weil drei Viertel von ihnen glauben, dass die Politik sich keinen Deut mehr um die Interessen des Volkes schert. Deshalb zeigen sie ihre Wut. Sie demonstrieren, sie schreiben massenhaft Leserbriefe, sie gehen nicht mehr zur Wahl. Doch interessiert das die Politiker?

Im Prinzip nicht. Politiker haben ihre eigenen Probleme. Das haben die „Change-Centre-Foundation“ und die Universität Düsseldorf gemeinsam in „Deupas“ herausgefunden. „Deupas“ ist die größte Studie, die je in Deutschland über das Denken und Fühlen von Abgeordneten aller Parteien und Parlamente gemacht wurde. Paradox: auch Abgeordnete leiden unter Ohnmachtsgefühlen – genau wie die Bürger.

Dramatisch äußern sich diese Ohnmachtsgefühle im Widerspruch zwischen den nach Meinung der Abgeordneten in allen gesellschaftlichen Bereichen notwendigen Veränderungen und dem mangelnden politischen Einfluss, den sie persönlich auf diese Veränderungen haben.

Zum Thema „Gesundheitswesen“ meinen 73,3 Prozent der Abgeordneten, dass Veränderungen im Bereich „Gesundheitsversorgung und Prävention“ wichtig und notwendig sind. Doch nur ganze 16 Prozent sind der Meinung, dass sie auf diese Veränderungen persönlichen Einfluss haben.

Die Entscheidungen treffen demnach andere, nicht die Parlamente in Bund und Ländern. Die segnen nur ab, was an Gesetzen auf den parlamentarischen Tisch kommt.

Die wahren Entscheidungsträger sitzen in kleinen Parteigrüppchen und Koalitionsrunden und Machtzirkeln. Auf dieser Spielwiese der wenigen „Macher“ werden die Weichen gestellt, die Wege vorgegeben, die Kompromisse ausgehandelt. Hier wird um Macht und Einfluss und zukünftige Positionen gepokert. Wer dazugehört, ist „in“. Das Parlament ist ausgeschaltet, die Abgeordneten sind weit weg.

Das macht die Ergebnisse dieser Kungelrunden nicht besser – im Gegenteil. Die unendliche Geschichte verkorkster Reformen, fataler Fehlentscheidungen und unausgegorener Gesetze im Gesundheitswesen spricht für sich.

Die neuesten „Reformgesetze“ – das „Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes in der gesetzlichen Krankenversicherung“ (Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz AMNOG) und das GKV-Finanzierungsgesetz (GKV-FinG), mit heißer Nadel gestrickt, machen da keine Ausnahme. Schon jetzt, wenige Wochen nach der Einführung sind Verbesserungen nicht sichtbar, die neuen Belastungen jedoch für alle dramatisch spürbar.

Denn Gesundheitsminister Rösler und seine Mitstreiter hatten es sich einfach gemacht: mit einer Härte sondergleichen erleichterten sie Beitragszahler, Patienten, Arzneimittelhersteller, Apotheker und Großhändler um Milliarden Euro. Um die Beseitigung von Fehlentwicklungen früherer „Reformen“ kümmerten sie sich nicht. Weder wurden das „bürokratische Monster Gesundheitsfonds“ gekippt noch die „Pick-up-Stellen“ geschlossen – das sind Abholstellen in Tankstellen, Blumenläden und Drogeriemärkten für im Versandhandel bestellte Medikamente – noch wurde den Krankenkassen der Abschluss von Rabattverträgen verboten.

Es lohnt sich, diese letztere Fehlentwicklung genauer zu be-trachten. Die Zulassung von „Rabattverträgen“ zwischen Kassen und Pharmaherstellern wurde – noch unter rot-grüner Regierungsverantwortung – schrittweise in den Reformgesetzen von 2003 bis 2007 eingeführt.

In diesen „Rabattverträgen“, die seitdem Krankenkassen mit Arzneimittelherstellern schließen dürfen, verpflichten sich Hersteller, den Kassen für bestimmte Medikamente und eine festgelegte Zeit hohe Rabatte zu zahlen. Das bedeutet: Patienten müssen sich immer wieder an neue Bezeichnungen, neue Packungen, neue Tablettenformen, neue Farben, neue Beipackzettel gewöhnen.

Das fällt vielen Kranken nach wie vor unendlich schwer. Nicht nur ältere Menschen reagieren mit Unverständnis und Unsicherheit. Tag für Tag muss auch heute noch in den Apotheken intensive Aufklärungsarbeit geleistet werden. Und nicht nur das – die Suche im Computer nach dem „richtigen“ Rabatt-Arzneimittel gerade dieser Krankenkasse und der Aufwand einer überdimensionierten Lagerhaltung für 53 000 Rabattarzneimittel kosten viel Zeit. Die könnte wirkungsvoller für die pharmazeutische Betreuung der Patienten genutzt werden.

Sieben von hundert Patienten nehmen trotz Beratung das neue, ungewohnte Medikament gar nicht mehr ein. Das hat die Bertelsmann-Stiftung in einer Umfrage herausgefunden. Die mit Sicherheit höheren Folgekosten des Therapieabbruchs bis hin zum Krankenhausaufenthalt verschwinden im Nirwana der Kassenausgaben.

Im schlimmsten Falle lebensbedrohend können die Folgen von Verwechslungen von Tabletten sein. Das gilt besonders für ältere Patienten. Sie sind oft auf die Einnahme einer ganzen Reihe von Medikamenten angewiesen. Immer wieder neue Produkte überfordern die Merkfähigkeit. Das WDR-Fernsehen berichtete im September 2010 über einen 80jährigen, der mit lebensgefährlichen inneren Blutungen ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Er hatte ein neues, für die Kasse billigeres Medikament zur Blutverdünnung mit einem harmlosen Magnesium-Präparat verwechselt.

Gefährlich sind aufgezwungene Präparate-Wechsel auch für bestimmte Krankheitsbilder. Prof. Dr. Gerd Glaeske, Pharmazeut und Arzneimittelexperte an der Uni Bremen, weist in der Zeitschrift „Gesundheit“ darauf hin, dass Mittel gegen Epilepsie, Psychopharmaka und Schilddrüsenhormone, bei denen die Dosierung sehr genau eingestellt werden muss, in Rabattverträgen enthalten sind, dort aber nichts zu suchen haben: „Zwischen verschiedenen Herstellern können Unterschiede von zehn bis 20 Prozent in der Freisetzung der Wirkmenge auftreten, die bei solchen Erkrankungen durchaus therapierelevant sind.“ Das Risiko für den Patienten ist vorprogrammiert.

Die Kassen wiegeln ab. Sie weisen darauf hin, dass man sich bei Problemen mit dem neuen Arzneimittel das gewohnte ja verschreiben lassen könne. So wandert der „schwarze Peter“ zum Arzt. Doch nicht jeder Patient traut sich, dies von seinem Arzt zu fordern. Und nicht jeder Arzt ist begeistert, wenn er mit einem Kreuzchen an der richtigen Stelle auf dem Rezept den Apotheker ermächtigen soll, ein anderes Arzneimittel als das der Kasse genehme auszuhändigen. Ist er zu großzügig mit den Ausnahmen, riskiert er einen Regress.

Ein Skandal ist auch die mangelnde Transparenz der Rabattverträge. Keine Krankenkasse muss offenlegen, für welche Produkte sie von welchem Hersteller welche Rabatte bekommt. Wie hoch die beträchtlichen Kosten für Ausschreibungen, für die Prüfung der Angebote, für Verhandlungen, Verwaltung und gerichtliche Auseinandersetzungen mit „Verliererfirmen“ sind – auch das wird verschwiegen. Insofern ist auch keine Kontrolle möglich, ob die Gewinne aus den Rabattverträgen die Gefahren für die Patienten überhaupt rechtfertigen. Zweifel sind angebracht.

Ein weiterer Skandal sind die steigenden Zuzahlungen. Denn auch für Arzneimittel, deren Preise wesentlich höher sind als die der Konkurrenz, können Verträge geschlossen werden – Hauptsache, der Rabatt ist ebenfalls hoch. Doch der ist geheim. Den kennen nur die Krankenkasse und der Hersteller.

Der Dumme in diesem Spiel ist der Patient. Er muss in diesem Fall eine „Zuzahlung“ leisten, je nach Preis der Packung fünf bis zehn Euro. Obwohl das Arzneimittel für die Kasse gar nicht so teuer ist. Sie kriegt ja noch den Rabatt.

Deshalb schlug jüngst der Deutsche Apothekerverband (DAV) Alarm: Musste der Patient vor einem Jahr „nur“ bei 40 Prozent aller Rabattarzneimittel eine Zuzahlung leisten, muss er dies heute schon bei jeder zweiten Packung tun, Tendenz steigend. Auch fünf Euro tun weh, wenn man es nicht so dicke hat.

1,8 Milliarden Euro kommen alleine an Zuzahlungen auf diese Weise zusammen. Die mussten die Kranken im Jahre 2010 aufbringen. Die Apotheken müssen die Zuzahlungen für die Kassen eintreiben. So will es das Gesetz. Die zahllosen Diskussionen mit verärgerten Patienten sind Alltag in der Apotheke.

Eins ist sicher: Wüssten die Abgeordneten um alle diese Probleme und hätten sie den Einfluss, den sie so schmerzlich vermissen, dann wären die Rabattverträge längst Makulatur.

Doch die Abgeordneten stehen am Rande der Spielwiese. Sie dürfen zusehen, mitspielen dürfen sie nicht.

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Die Politik wird nicht aus Schaden klug

Die Lebensmittelindustrie ist mächtig. Das beweisen manche Hersteller jeden Tag in den Regalen der Supermärkte. Man tarnt, trickst und täuscht – mit Produkten und mit Werbung. Und der Verbraucher merkt es nicht.

Leberwurst ohne Leber? Schokoladenkekse ohne Schokolade? „Garnelen“ aus gepresstem Fischeiweiß? Schinken aus Wasser, Gelier- und Verdickungsmitteln? Mogelkäse aus Ei- weißpulver, Wasser und Pflanzenfett? Geflügelwurst aus Schweinefleisch? Kein Problem. Wir Unwissenden kaufen alles.

Nachzulesen ist dies (und noch viel mehr) in Thilo Bodes Bestseller „Die Essensfälscher“. Thilo Bode ist Gründer der Verbraucherrechtsorganisation Foodwatch. Die Lebensmittelkonzerne nennt er verantwortungslos, der Politik wirft Bode Versagen vor.

Und er hat recht. Ob unter einer rot-grünen Regierung oder einer schwarz-gelben, ob BSE-Krise oder Dioxin-Skandal: Die Politik denkt nicht in die Zukunft hinein, sie agiert nicht, sie reagiert nur – zu spät und zu lasch, und allemal in der Hoffnung, die Verbraucher würden sich schon wieder beruhigen.

Das Problem ist – wir Verbraucher beruhigen uns wirklich. Nach einigen Wochen, einigen Monaten kehren wir zu unseren alten Ess- und Kaufgewohnheiten zurück. Vielleicht, weil wir sparen müssen, vielleicht, weil wir Schnäppchenjäger sind, vielleicht, weil wir nicht wahrhaben wollen, dass, wer billigste Sonderangebote sucht, auch nur billigste Ware erhalten wird – gestreckt, gefälscht, verhunzt. Gute Werbung verkauft eben alles.

Doch die „Essensfälschung“ ist ja nur ein Aspekt im Konkurrenzkampf um den Verbraucher. Weil der immer alles möglichst billig haben will – so behauptet es die Branche – bleibe ihr nichts anderes übrig, als die Produktionskosten zu senken. Und das führt dann nicht nur zu minderwertigen Zutaten, sondern auch zu minderwertigen Futtermitteln für Rinder, Schweine und Geflügel.

So verfütterte man vor der Jahrtausendwende, von England ausgehend, in riesigem Umfang Tiermehl (!) – welch eine Perversion – an Millionen Rinder. Was Tiermehl im Futter grasfressender Wiederkäuer zu suchen hat, wird ewig das Geheimnis der Futtermittelindustrie bleiben.

Das Tiermehl bestand aus gemahlenen Schafskadavern, die mit der Hirnkrankheit „Scrapie“ verseucht waren. Die sprang als neue Rinderseuche BSE (Bovine Spongiforme Enzephalopathie) auf zehntausende Rinder und bald auch auf Menschen über. Am 24. November 2000 wurde erstmals auch in Deutschland bei einer Kuh BSE diagnostiziert

Jetzt kam auch Leben in die Politik. In nur fünf Tagen wurde ein „Eilgesetz“ erlassen, das ein Tiermehlverbot bei der Fütterung vorsah. So schnell kann man Gesetze machen, wenn man wirklich will!

Doch für zwei Minister kam das Gesetz zu spät: Landwirtschaftsminister Funke (SPD) und Gesundheitsministerin Andrea Fischer (Grüne) traten am 9. Januar 2001 zurück. Sie übernahmen damit zu Recht die politische Verantwortung für einen der dramatischsten Lebensmittelskandale in der Geschichte der Bunderepublik.

Wer nun glaubt, die Politik habe aus dieser Krise gelernt, der irrt. Für knapp fünf Jahre übernahm Renate Künast (Grüne) das Ministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft, danach traten Horst Seehofer (CSU) und Ilse Aigner (CSU) an. Das änderte nichts. Weder wurde der Umbau der Landwirtschaft zum ökologischen Landbau vorangetrieben noch der Lebensmittelindustrie die Verbrauchertäuschung verboten noch die Futtermittelindustrie in ihre Schranken verwiesen.

Nicht einmal eine in anderen Ländern übliche, leicht verständliche Kennzeichnung von überhöhten Fett- und Zuckerwerten auf den Produktpackungen setzten unsere „Verbraucherschutzminister“ durch.

Zurzeit ist das Gift „Dioxin“ buchstäblich in aller Munde. Überhöhte Werte dieser hochgiftigen Substanz wurden in Eiern, Schweinefleisch und Geflügel gefunden. Die Folge: vorläufige Schließungen von tausenden Betrieben, Tötungen von Legehennen und hektische Suche nach verseuchten Schweinen, die in ganz Europa verkauft wurden.

Doch ganz gleich, was man isst, überall ist Dioxin drin. Mal mehr und mal weniger. Nach Einstufung der Weltgesundheitsorganisation WHO gelten Dioxine als krebserregend.

Nun sollte uns das nur beunruhigen, wenn die von der WHO festgelegten Grenzwerte für eine Tagesaufnahme von Dioxin überschritten werden. Die mit Dioxin belasteten Eier wiesen zwar „nur“ eine Belastung in Höhe des doppelten Grenzwertes auf, doch weiß niemand, wie hoch der Dioxingehalt in anderen Lebensmitteln ist. Die Verbraucher reagierten mit Kaufenthaltung – zu Recht.

Und wer ist schuld?

Wohl alle Beteiligten, die mit der Nahrungskette in produktionstechnischer, behördlicher oder gesetzgeberischer Hinsicht zu tun haben.

Schuld trägt natürlich zunächst der Futtermittelhersteller, der billigere, mit Dioxin verseuchte Industriefette aus der „Biodiesel“-Produktion statt teurerer Futtermittelfette in tausende Tonnen Tierfutter kippte.

Schuld tragen aber auch die Verbraucherminister der Länder, die sich für den Dioxin-Skandal nicht zuständig fühlen und die behördlich vorgeschriebenen Kontrollen der Futtermittelhersteller nur als „Kontrolle der Eigenkontrolle“ sehen – so ein Sprecher des schleswig-holsteinischen Verbraucherschutzministeriums. Das Futtermittelrecht weise eben den Unternehmen große Eigenverantwortung zu, sagte er auch. Wie das? Die Futtermittelhersteller sollen sich selber kontrollieren? Absurd.

Also trägt doch der Gesetzgeber die Verantwortung? Nach längerem Zögern ließ die Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft, Ilse Aigner, zumindest ein winziges Stück Verantwortung aufblitzen: Sie legte einen umfangreichen „Aktionsplan“ vor, um Sicherheitslücken – die waren auch vorher schon bekannt – zu schließen. Darin fand sich nichts Neues. Solche Pläne hatte der jeweilige Verbraucherminister vollmundig schon bei früheren Lebensmittelskandalen vorgelegt. Umgesetzt wurden diese Pläne nie. Und einen Rücktritt lehnt die Ministerin ab.

Doch ist sie die einzige „Bundesverantwortliche“? Dioxin schadet der Gesundheit. Für Gesundheit ist der Gesundheitsminister zuständig. In der BSE-Krise übernahm Gesundheitsministerin Andrea Fischer wenigstens ihren Teil der Verantwortung und trat zurück. Von Rösler ist nichts zum Dioxin-Skandal zu hören, geschweige denn von einem Rücktritt. Die Website des Gesundheitsministeriums ignoriert den Dioxin-Skandal.

Dagegen berichtete die Bild-Zeitung, dass Rösler sich bei der Kanzlerin für den niedersächsischen Ministerpräsidenten McAllister (CDU) eingesetzt habe. Den hatte Verbraucherministerin Ilse Aigner wegen seiner ungenügenden Informationspolitik über notwendige Betriebsschließungen scharf kritisiert – zu Recht. Statt ihr beizuspringen, fiel ihr Gesundheitsminister Rösler in den Rücken – eine seltsame Auffassung von der Bedeutung seines Amtes für die Gesundheit der Bevölkerung.

Doch das ist bei Gesundheitsministern nicht ungewöhnlich. Selten haben sie über die negativen Ergebnisse ihrer zumeist unausgegorenen Gesundheitsreformen vorher nachgedacht. Der Sinnspruch „Was auch immer Du tust, handle klug und bedenke das Ende“ gilt nicht für sie.

Bestes Beispiel für das Ignorieren von Gefahren für Leib und Leben der Bevölkerung war die unnötige Zulassung des Versandhandels von Arzneimitteln. Sie öffnete dem Eindringen von Medikamentenfälschungen bei Bestellungen via Internet Tür und Tor. Das Bundeskriminalamt BKA weiß ein Lied davon zu singen. Die Arzneimittelkriminalität nehme eindeutig zu, so Jörg Ziercke, Präsident des BKA. Jedes Jahr werden tausende Fälle von Arzneimittelfälschungen aufgedeckt. Die Dunkelziffer ist wohl weitaus größer.

Doch der Versandhandel von Arzneimitteln aus dem Ausland treibt noch andere gefährliche Blüten: „Abholstellen“ (Pick-up-Stellen) in Drogeriemärkten, Blumenläden, Tankstellen und Kiosken. Dort liegen hochwirksame Medikamente in ungeklärter und unbekannter Umgebung, bis der Kunde sie abholt.

Behördlich kontrolliert werden diese Abholstellen nicht, sie müssen nicht einmal angemeldet werden!

Verbieten will Gesundheitsminister Rösler die Abholstellen nicht – geschweige denn den Versandhandel. Und Kontrollen? Fehlanzeige.

Also alles wie immer. Erst muss das Kind in den Brunnen fallen.

Wann wird das sein? Morgen?
Kommentar: Der Amtseid

„Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe“. Das ist der Wortlaut des Amtseides, den jeder Minister zu leisten hat.

Schaden vom deutschen Volk wenden… Das heißt für jeden Minister, sich zusammen mit seinem Team frühzeitig Gedanken zu machen auch über mögliche Gefährdungen für Leib und Leben der Bevölkerung. Und dann entsprechende Vorkehrungen zu treffen.
Wohlgemerkt – vorher, nicht nach dem Desaster.

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Angriff auf die Apotheken

Wie auch Röslers „Reformen“ die gute Apothekenstruktur zerstören

Die Vergangenheit, die wir überblicken können, ist einige Jahrhunderte alt. Die Gegenwart schafft es gerade einmal auf ein paar Jahre. Demnach muss es viel mehr gute alte als gute neue Dinge geben.

Ob man staunend vor den Sandsteingebirgen des Kölner Doms steht oder andächtig durch die Säle von Sanssouci schreitet, ob man die prächtigen Schlösser der bayrischen Könige bewundert oder auf der Wartburg hoch über Eisenach der Geschichte nachspürt – immer wieder beeindrucken uns die großartigen Leistungen unserer Väter. Und manchmal setzen wir alles daran, Verlorenes wiederzugewinnen – die Frauenkirche in Dresden ist ein wunderbares Beispiel für Bürgermut und Opfersinn.

Dinge, die Jahrhunderte lang allen Wirrungen der Zeiten getrotzt haben, müssen etwas Besonderes an sich haben. Fasziniert betrachten wir die Bilder der alten Meister in den Museen, streichen über das wunderbar warme Holz antiker Möbel, schlagen ehrfürchtig alte Bücher auf. Niemand käme auf den Einfall, diese Dinge zu zerstören, es sei denn, man ist Psychopath. Im Gegenteil – man hegt und pflegt sie.

Doch alle diese Beispiele sind gegenständlich, wir können sie sehen und berühren.

Es gibt aber auch althergebrachte Dinge, die wir nicht anfassen, deren Existenz wir aber fühlen können, weil sie in unser Dasein eingreifen, weil wir täglich mit ihnen leben.

Die Rede ist von abstrakten Ordnungen und Strukturen, die Jahrhunderte und Generationen überdauert haben. Bis auf den heutigen Tag erfüllen sie höchst erfolgreich ihren Zweck. An sie haben sich die Menschen gewöhnt. Sie spüren, diese Strukturen tun ihnen gut. Sie erleichtern das Leben, sie geben Sicherheit und strahlen Verlässlichkeit aus.

Die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) ist so eine Struktur. Weit über hundert Jahre alt, hat sie bewiesen, dass Millionen und Abermillionen kranker Menschen sich zu jeder Zeit auf sie verlassen konnten. Sie ist gerecht und solidarisch. Die Welt sah und sieht mit großen Augen auf dieses Versicherungssystem. Manch ein Land hätte es gerne, manch ein Staat hat es nachgeahmt.

Was sich bewährt hat und jeden Tag neu bewährt, zerstört man nicht.

Das deutsche Apothekenwesen ist einige Jahrhunderte älter. Wer weiß schon, dass Kaiser Friedrich II. bereits im Jahre 1241 in einer „Medizinalordnung“ dafür sorgte, dass Arzt und Apotheker getrennte berufliche Wege gingen? Und dass er gleich auch noch die Preise für Arzneimittel gesetzlich festschrieb? Weitblickend wollte er damit verhindern, dass während Epidemien und Notzeiten die Preise explodierten. Das war die Geburtsstunde des heutigen Apothekenwesens: Nur ein Apotheker durfte eine Apotheke besitzen und führen.

Natürlich hat sich die Tätigkeit des Apothekers im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verändert. Neue naturwissenschaftliche und medizinische Erkenntnisse forderten Wandlungen und Anpassungen. Aus dem Kenner und Händler von Heilpflanzen wurde der Hersteller von Arzneimitteln in der Apotheke. Insbesondere als vor mehr als hundert Jahren die Chemie als Wissenschaft explodierte, waren es Apotheker, die in ihren Apotheken forschten und neue, hochwirksame Medikamente entwickelten. Das war die Geburtsstunde vieler bedeutender Arzneimittelfirmen. In dieser Zeit wurde Deutschland zur „Apotheke der Welt“.

Und wieder wandelte sich das Tätigkeitsbild des Apothekers. Die Welt ist komplizierter geworden. Zahllose innovative Arzneimittel erfordern hohe Aufmerksamkeit für Wirkungen und Nebenwirkungen. Neue Krankheitsbilder, aufgeklärte Patienten und der medizinische Fortschritt selbst erzwingen ein Höchstmaß an Beratungsaktivitäten seitens der Apotheke. Dazu bedarf es solider pharmazeutischer Kenntnisse und ständiger Weiterbildung der Apothekerinnen und Apotheker sowie des Apothekenpersonals.

Es gibt kaum einen Berufszweig, der diese Notwendigkeit so verinnerlicht hat. Fortbildung wird in jeder Apotheke großgeschrieben. Die Bevölkerung weiß das. Warum würde sie sonst die Kompetenz der Apotheker und das Vertrauen in die Apotheke bei zahllosen Umfragen auf die besten Plätze setzen?

Neben einem hohen Vertrauen in die Beratungskompetenz der deutschen Apotheke spielen aber im Bewusstsein der Patienten und Kunden auch andere Leistungen eine wichtige Rolle. Keine Mutter muss Angst haben, dass ihr Kind mitten in der Nacht ein dringend benötigtes Medikament nicht erhält.

Denn Nacht für Nacht, an Sonntagen wie an Feiertagen – ja, selbst am Weihnachtsfest – sind mehr als 2 000 Apotheken geöffnet. Und 20 000 Patienten pro Nacht müssen versorgt werden. Das sind mehr als sieben Millionen Menschen im Jahr! Viele davon sind Kinder.

In Deutschland gibt es rund 21 500 Apotheken. Sie haben den gesetzlichen Auftrag, die Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln umfassend und überall – „flächendeckend“ sagt man dazu – zu garantieren. Dafür müssen sie die notwendigen Arzneimittel – viele davon lebensnotwendig – im Wert von über vier Milliarden Euro (!) ständig auf Lager halten.

Auch deshalb ist die Apotheke schnell. Zusammen mit dem pharmazeutischen Großhandel und seinen Autos – wer kennt nicht die Aufschrift „Eilige Arzneimittel“? – dauert es nur wenige Stunden, dann steht das dringend benötigte Medikament zur Verfügung. Und ist dem Patienten aus Krankheitsgründen nicht zuzumuten, noch einmal in die Apotheke zu kommen, bringt ein Mitarbeiter der Apotheke das Arzneimittel nach Hause.

Ob Ernährungsberatung oder der Verleih von Geräten und Hilfsmitteln, die man nur eine begrenzte Zeit benötigt, ob Impfberatung für exotische Urlaubsziele oder Messungen von Blutdruck und Blutzucker – die Liste der Leistungen der deutschen Apotheken ließe sich endlos weiterführen: So stellen die Apotheken im Jahr in ihren Apothekenlaboren über 17 Millionen Rezepturen her!

Das Beste zum Schluss: Dass die Apotheke auch Anlaufpunkt für viele ältere, kranke, hilfesuchende und Hilfe benötigende Bürger ist, zeugt darüber hinaus von ihrer hohen sozialen Kompetenz.

Dieses perfekt organisierte Apothekensystem mit seinem hohen Verbrauchernutzen und seinem gesetzlich festgelegten umfassenden Versorgungsauftrag für die Bevölkerung in Deutschland hat die Politik schon seit Längerem im Visier.

Nicht anders kann man die Zulassung des Versandhandels mit Medikamenten im Jahre 2004 interpretieren. Nicht anders auch die Duldung der Auswüchse – etwa der nicht anzeigepflichtigen und nicht behördlich kontrollierten „Abholstellen“ für im Versandhandel bestellte Medikamente in Tankstellen, Videotheken, Metzgereien und Blumenläden. Sie hätten längst verboten werden müssen.

Stattdessen bläst auch Gesundheitsminister Dr. Philipp Rösler (FDP) jetzt zum Sturm auf die Apotheken.

„Gesundheitsexperten“ wie Jens Spahn (CDU) hatten es sich einfach gemacht: Um ein angeblich drohendes Defizit der Krankenkassen im Jahre 2011 zu verhindern, schlugen sie dem Gesundheitsminister unter anderem vor, den Apotheken und dem pharmazeutischen Großhandel mehrere hundert Millionen Euro wegzunehmen. Der Vorschlag wurde jetzt Gesetz.

Alle Mahnungen, alle Hinweise darauf, dass Apotheken wie Großhandel diese Belastungen nicht tragen können, wischte Rösler vom Tisch. Als Arzt ist Betriebswirtschaft nicht seine Sache, obwohl er einmal neun Monate lang Wirtschaftsminister in Niedersachsen war.

Die negativen Auswirkungen des Gesetzes auf Investitionen, Arbeitsplätze, Öffnungszeiten und die umfassenden Leistungen der Apotheken sind noch nicht abzusehen. Abzusehen ist wohl, dass wieder einmal die Apotheken „dran“ sind. „Die sichere und erfolgreiche Struktur des Apothekenwesens in Deutschland muss doch kaputtzukriegen sein …“ Denkt man so im Gesundheitsministerium?

Was sich bewährt hat und jeden Tag neu bewährt, zerstört man nicht.

Auch deshalb verliert der Wähler das Vertrauen in die Kompetenz der Gesundheitspolitiker.

Wie drückte es das Magazin „Reader’s Digest“ in einer Pressemitteilung vom März 2010 aus? „Das größte Vertrauen schenken Deutsche und Europäer jenen Berufsständen, auf die man sich verlässt, wenn es wirklich darauf ankommt: Feuerwehrleute, Piloten, Krankenschwestern, Apotheker und Ärzte. Diese fünf Berufe sind die Vertrauenssieger einer 16 Länder Europas umfassenden Studie“.

Vertrauenssieger sind also die, auf die man sich verlässt, wenn es wirklich darauf ankommt …

Die Politiker landeten auf dem letzten Platz.

Kommentar: Wem die Deutschen nicht vertrauen

Es passt ins Bild. Aber so schlimm hatte man sich das Misstrauen der Bevölkerung denn doch nicht vorgestellt. Der Bertelsmann-Stiftung gebührt das Verdienst, herausgefunden zu haben, wem die Deutschen vertrauen, und der Rheinischen Post, es vorab veröffentlicht zu haben: Sagenhafte 94 Prozent vertrauen ihrem Hausarzt. Immerhin noch 77 Prozent schenken ihrem Apotheker ihr Vertrauen. Altersheime kommen nur auf 23 Prozent. Am Ende der Vertrauensskala rangiert das Gesundheitsministerium: mehr als 80 Prozent der Bürger vertrauen ihm nicht.

Kein Wunder bei diesen „Reformen“.

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